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Viele Menschen leiden im fortschreitenden Alter an einer seelischen Störung mit Krankheitswert. In fast allen Fällen schreiben sie das dem Alterungsprozess zu. Die Ursachen und Zusammenhänge für das Auftreten einer psychischen Erkrankung sind zweifellos sehr multifunktional. An einen wichtigen, weil sehr häufigen Auslöser, denken aber die wenigsten der Betroffenen im ersten Moment: An seelische Verletzungen aus der Kindheit und Jugend, die jetzt aufbrechen können.

Was wir hörten
Was haben Sie von Ihren Eltern gehört? Was hat man Ihnen mitgegeben fürs Leben? Was hat man von Ihnen erwartet, auch wenn es nicht ausgesprochen wurde? – Die Sätze klangen mit hoher Wahrscheinlichkeit so oder so ähnlich:
„Du sollst es einmal besser haben.“
„Du bist unser ganzer Stolz – aus dir wird einmal was Richtiges!“
„Du wirst es allen zeigen – du schaffst das, wenn du fleißig lernst und die Regeln befolgst.“

Ersatzerfüllung durch die Nachkommen
Dahinter standen hohe Erwartungshaltungen und offene oder verdeckte Leistungsanforderungen der Eltern, der Familie, die einzulösen waren. Als Kinder schuldeten wir dem Familienverband oder einzelnen Elternteilen die Erfüllung dieser Aufträge. Als Gegenleistung durften wir der Gruppe angehören, fanden Geborgenheit und Gegenliebe. All das, was unsere Eltern selbst nicht zustande brachten, wurde uns Kindern übertragen. Im Resultat des Selbstversagens der Erzeuger wurden wir zur ersatzerbringenden Person. Wir wurden in die Rolle des Heilsbringers gesteckt und auf die Mission des Wunderkindes geschickt – mal mehr, mal weniger intensiv. Ganz besonders spürten das Einzelkinder, zu denen auch ich gehöre, die nach dem Motto zu leben hatten: „Du bist das Werkzeug, durch das ich mich vollende!“ (Zitat: Sven Sittlich). Weil dem Vater von David Garrett wohl eine Geigerkarriere verschlossen blieb, delegierte er die Leistungserbringung an ihn weiter. Ich persönlich erninnere mich daran, dass mich mein Vater gern als Betriebsleiter sehen wollte (was sich in gewisser Weise dann später, zumindest für ein paar Jahre, auch erfüllte). Und viele Leser wissen, dass es – wenn sie nicht selbst betroffen waren – mindestens ein Familienmitglied gab, das unter Leistungsbann und Erfolgsdruck gestellt war.

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Ausschluss als Strafe
Wer den verbalen und nonverbalen Erwartungen nicht nachkam, dem drohte als Strafe der Liebesentzug, wenn nicht sogar die komplette Ent-Bindung und Ausgrenzung von der Familie. Die harmloseste Form des Entzugs wurde landläufig mit: „Der ist aus der Art geschlagen“ umschrieben. Bei hartnäckigerem Erwartungsboykott wurden die Delinquenten verstoßen, manchmal sogar verleugnet. Im Extremfall wurden sie wegen grober Vermächtnisverweigerung aus der Familienchronik gelöscht. Um diese Kinder wurde nach außen hin der Mantel des Schweigens gelegt – Scham, Schuld und Schande waren eine so mächtige Bedrohung für den restlichen Familienclan, dass Spuren und Erinnerungen an Erwartungsverweigerer sorgsam getilgt wurden.

Perfekte Tarnung
Die frühen Familienaufträge waren gut getarnt. Sie versteckten sich hinter Aussagen, wie:
„Ich konnte seinerzeit nicht studieren.“
„Ich hatte es lange nicht so gut wie du – ich musste Tag und Nacht auf dem Feld schuften.“
„Wir konnten es uns früher nicht leisten, in den Urlaub zu fahren; und schon gar nicht ins Ausland!“
Oder mit Ansagen, wie:
„Du sollst es später einmal besser haben.“
„Was sollen die Leute von uns denken?“
„Guck dir mal den Nachbarsjungen an, was der schon alles kann!“
Die Aussagen, Stimmen, Gesten, Gefühle, Werte und Glaubenssätze der Eltern und Familienmitglieder fühlten sich wie die eigenen an. Psychologen sagen, sie wurden zu „Introjekten“ in uns und führten dazu, dass wir weitgehend fremdgesteuert, ohne eigene identifikation mit unserem innersten Selbst, lebten. Und uns häufig bis ins späte Alter nicht davon trennen können.

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Aktuelle Parallelen
Übrigens: Als aktuelle Parallele dazu haben wir es heute zusätzlich mit den allgegenwärtigen mobil-digitalen Netzwerken zu tun, die uns permanent Auftragsmuster und Handlungsbotschaften aufdrängen und Vorgaben oktroyieren, um auf den sogenannten sozialen Plattformen akzeptiert und gelikt zu werden. Eine Erwartungshaltung, deren Druck im Vergleich zu den frühen Familienaufträgen sogar eine vielfach stärkere Wirkung hinterlassen kann. Weil Reaktionen aus einer community zurückschlagen, die weitaus größere und wirkungsvollere Ausmaße hat, als die vergleichsweise wenige Personen umfassende Familie. Und dadurch bis hin zur völligen Ächtung führen können.

Loyalität verhindert die eigene Identität
Viele zahlten im Kinder- und Jugendalter für ihre familiäre Treue, für ihre Zugehörigkeit zum Clan, einen hohen Preis. Weil beide Seiten häufig nicht loslassen konnten oder wollten, verfestigte sich die familienabhängige Loyalität. Diese stand der Entwicklung eigener Identität meist im Wege. Um jedoch zu eigener Identität finden zu können, muss man die Ideale der Familie enttäuschen, sabotieren und im Extremfall sogar verraten. Die daraus resultierenen Traumata (übrigens sowohl bei den Eltern als auch den Kindern) leb(t)en in uns fort und manifestieren sich nun oftmals als seelische Störungen im reifen Erwachsenenalter. In der Reflektion auf das Leben werden uns die Zusammenhänge langsam, aber unerbittlich bewusst und die Wunden der Vergangenheit brechen auf. Mit dem Ergebnis, dass es zu unerklärlichen Depressionen, Angststörungen, Panikattacken, Verfolgungswahn und Paranoia – und in deren Folge – auch zu Suiziden kommt. (Verfolgt man die Statistiken zu Depressionen in Deutschland, findet man einen Höhepunkt der Erkrankungen in den 50-er Lebensjahren – mehrheitlich bei den aktuellen Babyboomern.)


Beide Seiten leiden
Überzogene Aufträge und Erwartungshaltungen unterscheiden und trennen zu können von eigenen Wünschen und Sehnsüchten – das wäre ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma. Doch meist endet die mentale Auseinandersetzung damit in einer nicht enden wollenden Enttäuschungsschleife beider Parteien. Das Spektrum der Frustrationen reichte bei den Eltern von Ersatzerfüllung und Erfolgsneid über Selbstmitleid bis hin zur Schuldumkehr. Die Bandbreite der seelischen Verletzungen bei den Kindern und Jugendlichen erstreckt sich von Erfolgsdruck und unterlassener Anerkennung über Gefühlsunterdrückung bis hin zu Leistungsverweigerung.

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Was ist zu tun?
Mit dem Blick nach vorn kommt es darauf an zu erkennen, dass unsere Eltern in der Tat eine bessere Zukunft für uns im Auge hatten. Ihnen war regelmäßig (Ausnahmen bestätigen diese Regel) nicht bewusst, dass sie uns in unserer Welterkennung einengten, uns ihre Sicht der Dinge überstülpten oder ihre Enttäuschung über das eigene vermeintliche Versagen weitervererbten. Alles in bester Absicht.
Ein Ausweg können Affirmationen sein. Selbstzuschreibungen, die uns die Sicht für eine selbstbestimmten und selbstwirksamen Umgang mit den Traumata der Kindheit ermöglichen. Hier einige Beispiele:

„Ich bin lange schon ein reifer und erwachsener und selbstbestimmter Mensch.“
„Ich bin frei in meinen Entscheidungen.“
„Ich bin nicht mehr gebunden an die Vorgaben meiner Eltern, meiner Familie, meiner Kindheit.“
„Ich lebe mein Leben unabhängig von den behindernden Vorgaben meiner Eltern.“
„Ich muss für mein Dasein keine fremderwünschte Leistung mehr erbringen.“
„Ich darf den Vorgaben und Normerwartungen meiner Erzeuger nachhaltig widersprechen.“
„Ich muss nicht mehr leisten und folgen. Ich darf Ich sein.“

Abschluss
Wie sagte Winston Churchill, der Zeit seines Lebens wie viele unter dem Erwartungsdruck seines Vaters stand: „Die Hälfte des Lebens verbringt der Mensch damit, die falschen Vorstellungen seiner Vorfahren loszuwerden; die andere damit, seinen Kindern falsche Ansichten beizubringen.“

Persönliche Anmerkung: Erst nach vielen Jahren der Aus- und Weiterbildung habe ich nachvollziehen können, wie viele Menschen und Schicksale sich mit den Botschaften der frühen Jugend verbinden. Unverständliches aus der eigenen Familie, scheinbar Konfuses aus den Biografien von Beziehungspersonen und Erschreckendes aus Erzählungen von Freunden erschließen mir heute eine komplett neue Sicht auf Vergangenes. Meine Bewertung der Welt des Erwachsenwerdens ist eine völlig andere, als sie es noch vor 10, 15 Jahren war. Und das ist eine wertvolle und unbezahlbare Erkenntnis aus vielen Jahren persönlicher Neugier und psychologischer Weiterbildung.

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße
Wolfgang Schiele
(Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren

© Wolfgang Schiele 2020 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de