Vor einigen Tagen fiel mir ein Exemplar der „Psychologie heute“ zwischen die Finger. Es war nicht mehr ganz taufrisch und ich merkte an den jungfräulichen Seiten, dass ich diese Zeitschrift noch gar nicht gelesen hatte (denn ich streiche immer etwas an in Büchern und Zeitschriften!). STILLE stand auf dem Titel – und ich verband den Begriff sofort mit RUHE, obwohl beides nicht identisch ist …

Der gewisse Unterschied
In Ruhe kann ich mich im Idealfall selbst versetzen. Es ist für mich ein inneres, aktiv hervorgerufenes Gefühl. Stille hingegen ist etwas, was von außen auf mich einwirkt, was fremderzeugt ist. Ich erinnerte mich an eine Geschichte einer meiner Lehrtrainers über seine Zeit in einem Zen-Kloster. Die meiste Zeit verbrachte er vor einer weißen Wand und meditierte. Stille geriet hier zum absoluten Stillstand. Dann wieder kam mir ein Film von Stefan Dexheimer in den Kopf, der faktisch vor meiner Haustür auf dem Scharmützelsee gedreht wurde. Über das einsame Segeln in herbstgrauer Umgebung, allein auf einem See. „… und hörst du die Stille?“ so sein Titel. Er verkörpert eher die gleichmäßige Ruhe, die ein leichter Wellengang, ein monotoner Rhythmus in uns hervorrufen kann – friedlich im Gleichmaß und gleichzeitig doch bewegend.

Wie viel Laute darf´s denn sein? Und wie viel Stille ist gesund?
Womit sind wir Menschen groß geworden, was hat unsere Entwicklung befördert: eher eine laute Welt oder eine geräuscharme Umgebung? Ich denke, dass die Welt in den allen Zeiten zivilisatorischer Entwicklung durchaus nicht leiser war, als heute. Wo wir aktuell Lärm als akustischen Umweltschmutz zu bekämpfen versuchen, dort hämmerten und zimmerten und trampelten und schlugen und musizierten und schrien und lärmten die Menschen früher bunt durcheinander. Der durch die Massen erzeugte Krawall gab dem Individuum ein Gefühl der Zugehörigkeit, aber auch der Sicherheit. Lärm konnte böse Dämonen und Diebe vertreiben, stand für Fortschritt und Reichtum, zerstreute grüblerische Gedanken und verjagte belastende Alpträume.

Das Erlebnis totaler Geräuschlosigkeit
Nach langen Tagen mit unruhigem, regnerischem Wetter wagte ich vor vielen Jahren vom Bodensee aus einen Ausflug auf den Berg Säntis bei Sankt Gallen. Mit der Hoffnung auf Fernsicht. Zwischen 10.00 und 11.30 Uhr klarte das Wetter auf dem Gipfel tatsächlich auf und die Fernsicht weitete sich über mehr als 100 km in alle Himmelsrichtungen. Aber die überraschendste aller Wahrnehmungen war etwas anderes: Es herrschte absolute Grabesstille. Es schien, als ob ich nicht mehr auf dieser Welt weilte, sondern irgendwo im Universum verschollen war. Entnommen der Erdsphäre und in eine schalltote Parallelwelt gesetzt. Diese totale Geräuschlosigkeit empfand ich als äußerst schmerzhaft und nach einer Viertelstunde etwa sehnte ich mich dringend nach Veränderung. Selbst der leiseste Ton wurde für mich zu einer Erlösung von der minutenlang ertragenen Endzeitstimmung. Es war wie eine Flucht aus einem Raum der absoluten Verdammnis, der Todeskälte und der Lebensverachtung.

Die „Weiße Folter“
Einen der stillsten Plätze verortete die vorgenannte Zeitschrift in der Testkammer des Motorradherstellers Harley Davidson (obwohl ich noch nicht in den Orfield Laboratories von HD gewesen bin und vergleichen konnte: vielleicht war der Säntis sogar noch einen Ticken stiller …). Jedenfalls scheint unser Gehirn völlig ratlos zu sein, wenn ein Wahrnehmungskanal keine Signale mehr sendet. Es braucht einen Trigger, um tätig sein zu können. Da das Gehirn von Natur aus beschäftigt sein will, fühlt es sich gefoltert ohne äußeren Impuls. In der Tat sprechen die Wissenschaftler von der „Weißen Folter“. Ohne Input muss es sich daher Ersatzeffekte konstruieren: es halluziniert oder baut fiktive, innere Geräuschkulissen auf. Vielleicht ist das ja der Ausgangspunkt für Tinnitus – der Kopf produziert ein Pseudogeräusch, damit es dieses analysieren und bewerten kann. Und nicht mehr so einsam ist …

Wie still soll´s denn im Stillestand, äh Ruhestand, sein?
Nein, nicht wirklich still, weil die reine Stille lebensfeindlich daherkommt und eine Todeskälte ausstrahlt, die man gern noch ein wenig verdrängen möchte. Akustische Reizfreiheit, klinische Lauterstarrung und eine klangfreie Leere sind nicht mein Fall. Erst ganz am Schluss – da kommt die Stille – ohnehin wie ganz von allein. Alternativ möchte ich meine Ruhe haben, heißt: sie selbst erzeugen können. Und deren Intensität und Tonalität steuern. In harmonischer Gelassenheit und ausgeglichener Besonnenheit; jederzeit selbst in der Lage, den Ton des Lebens an- und abschwellen zu lassen. Wenn die Umgebung lärmt und ich die äußeren Umstände nicht beeinflussen kann, so möchte ich wenigstens meine innere Ruhe willentlich herbeiführen können und sie dosieren. Um mich ganz auf mich selbst zurückzuziehen und die Freiheit des Ruhe-Standes in allen Facetten und Tonlagen genießen zu dürfen.

Kleine Anleitung „Ruhe bitte!“
1. Ort der äußeren Stille oder Wohlfühlort suchen
2. Entspannte Haltung einnehmen, Beklemmendes lockern
3. Augen schließen
4. Auf den Atem und seinen Rhythmus konzentrieren
5. Gedanken kommen und wieder ziehen lassen, wie Wolken am Himmel
6. Der eigenen Stimme zuhören – nicht eingreifen, nicht bewerten, nur wahrnehmen …
7. Mindestens 7 Minuten andauern lassen
8. Ruhig und entspannt ins Hier und Jetzt zurückkehren

Auf den Weg
Friedrich Nietzsche schrieb einst: „Die größten Ereignisse – das sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden.“

Und Sören Kierkegaard notierte: „Wenn alles still ist, geschieht am meisten.“

Entscheiden Sie sich für Ihre ganz persönliche Art der Ruhe – und wenn Sie wollen – auch der Stille.

Ihr (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele 2019 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de