Wann haben Sie das letzte Mal einen längeren Text von Hand geschrieben? Wie leicht ist es Ihnen gefallen, Wort an Wort zu reihen und vielleicht eine ganze DIN-A-4-Seite zu füllen? Wie erging es Ihrer Hand, Ihren Fingern dabei?

Analog oder digital schreiben?
Gerade hat die von mir abonnierte Wochenzeitung „Die Zeit“ einen größeren Artikel der persönlichen Handschrift gewidmet. Die Diskussion kreiste u. a. um die Frage, ob Tippen, Tappen und Wischen auf einer gläsernen Oberfläche zu mehr Wissensaneignung führt als das gute alte Von-Hand-Schreiben auf einer papiernen Unterlage. Ergebnisse aus mehreren Studien belegen, dass beide Arten zu einer vergleichbaren Abspeicherung und Einprägung des Gelernten im Gehirn führen. Und dennoch gab es Unterschiede, die mir sehr wichtig erscheinen: Diejenigen, die den Lernstoff von Hand notierten, waren zwar langsamer, aber sie entwickelten ein besseres Komplexitätsverständnis zum Notierten. Sie waren in der Lage, die Bedeutung des Aufgezeichneten besser mit anderen Aussagen zu vernetzen und erfassten das Gesamtbild, das „big picture“ des Lernstoffes, besser.

Vom Nutzen des Handschriftlichen
Ich persönlich finde – und das gehörte auch zu den Grundaussagen der Untersuchungen – dass das handschriftliches Aufzeichnen zu mehr Nachdenken beim Schreiben führt. Der Stoff wird umfassender verstanden und teilweise mit anderen sinnlichen Eindrücken verknüpft. Und dürfte sich daher besser und nachhaltiger abspeichern. Wissenschaftler sprechen wohl auch vom „plurimodalen“, vom vielartigen/vielgestaltigen Umgang mit dem Schreibmittel. Zum einen ist der Körper viel intensiver mit dem Schreiben befasst und dem Schreibinstrument verbunden, als beim Tippen. Die Feinmotorik der Hand wird intensiv trainiert. Schreiben von Hand ist ein vielfältiger und differenzierter Körpereinsatz, der uns die Haptik des geschriebenen Wortes vermittelt. Zum anderen vernetzt händisches Schreiben gleich mehrere Wahrnehmungskanäle: den visuellen und den haptischen – und wenn ich „laut“ denke oder buchstabiere – auch den auditiven. Schreiben von Hand ist begreifendes Lernen! Nicht umsonst sind die Rechtschreibleistungen der Dritt- und Viertklässler äußerst mangelhaft: Sie lernen den mehrkanaligen Umgang mit den Worten nicht mehr, sie erschließen sich Worte kaum noch mit unterschiedlichen Sinnen, was aber für fehlerfreies Schreiben eine Grundvoraussetzung ist.

Schreiben von Hand ist Selbstidentifikation
Aktives Denken steuert filigrane Handbewegungen. Im Gegenzug formen Handbewegungen das vernetzende Denken. Auch hier zeigt sich wieder, dass Körper, Geist und Seele zusammengehören und die Kulturtechnik des Schreibens von Hand einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Entwicklung der Menschheit hatte. Und noch einen Effekt hat das Schreiben von Hand: Es ist eine Auseinandersetzung, eine Identifikation mit sich selbst, seinen Gedanken – und unbewusst auch mit seinem Körper. Deshalb hat es einen sehr hohen therapeutischen Nutzen, der oft unterschätzt wird.

Ganz ohne Stift geht es manchmal nicht …
Ab und zu ist es für einen erwachsenen Menschen von großem Vorteil, korrekt, schnell und leserlich von Hand schreiben zu können. Meine Abschlussprüfung zum Resilienzlotsen vor gut zwei Jahren verlangte mir einiges ab: Wir als Teilnehmer mussten eine schriftliche Prüfung ablegen.
Es war eine stressige Tortour ohnegleichen (obwohl ja Resilienz stressfreier machen sollte …). Schon der Umstand, dass die Prüfung einen hohen Anspruch hatte und mir (und auch anderen TeilnehmerInnen) so einiges abverlangte – es war auch eine körperlich schwere Arbeit, die Finger, Hand und Arm, ja sogar der ganze Körper, da zu verrichten hatten! Eine körperlich ungewohnte Schinderei, ehrlich gesagt! Denn die 15 komplex gehaltenen Fragen mussten in 90 Minuten h a n d s c h r i f t l i c h beantwortet werden! Und nun musste ich mich neben den möglichst korrekten Antworten auch noch um die dahinrinnende Zeit und die Lesbarkeit des Geschriebenen kümmern. Insgesamt beschrieb ich zwölf Seiten Papier; die letzten fünf konnte ich selbst kaum entschlüsseln …

Hand-Schriften mit Stil
In meinen Seminaren und Coachings empfehle ich den Teilnehmern und Klienten, wichtige Dinge, Ziele, Aufgaben, Erinnerungen, Zukunftsträume, Sehnsüchte und Lebensweisheiten händisch aufzuschreiben (allerdings nicht unter Zeitdruck, wie bei o. g. Prüfung …). Dann können die meist innovativen Gedanken erstens nicht verlorengehen und zweitens sind sie verbindlicher als nur Gesprochenes. Mein Tipp: Benutzen Sie dafür wunderschöne und stilvolle Büchlein, z. B. von paperblanks oder von Boncahier. Wenn Sie die einst gefüllt haben, reihen sie sich wunderbar in ihr Bücherregal zwischen den anderen literarischen Schätzen ein. Ich z. B. habe alle meine wichtigen Seminarnotizen der letzten acht Jahre diesen kleinen Kunstwerken anvertraut, sie ins Regal gestellt und blättere sehr gern in ihnen herum.

Meine Ideen starten auf Papier
Übrigens: Alle Ideen und Impulse, die ich für meine Arbeit als Trainer, Coach und Seminarleiter entwickle, entstehen zuerst auf einem Skizzenblock mit Bleistift oder Kugelschreiber oder aber am Flipchart mit einem Marker. Das mag wenig ressourcenschonend sein, regt aber meine Kreativität an und gestattet mir in sehr kurzer Zeit, entscheidend mehr Ideen pro Zeiteinheit zu Papier zu bringen, als auf einer Bildschirmoberfläche.

Und noch ein Tipp zum Schluss:
Pflegen Sie Ihre Handschrift. Das letzte Vermächtnis muss immer noch mit einem Stift verfasst werden!

Vielen Dank für Ihr Interesse und besten Dank!
Ihr (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele 2019 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de

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