Eine Buchrezension zum Radtour-Erlebnisbuch von Helmut Achatz …

In einer Ära, in der es zum Mainstream gehört, als reifer 60-er Pedelec zu fahren, mutet eine muskelgetriebene Zweiradreise über mehr als 3600 km schon seltsam verschroben und antiquert an. Nichtsdestotrotz hat sie Helmut Achatz angetreten … und nach einigen Hindernissen auch erfolgreich absolviert.

Zugegeben: Über die eine oder andere Etappe seiner Rad-Fahrt durch Frankreich hatte ich schon 2017 als Abonnent seines Live-Blogs gelesen. Und war fasziniert vom Schneid und der Courage eines Gleichaltrigen, der im (Fast-)Alleingang mit dem Velo Frankreich einmal von den Alpen bis zum Elsass im Uhrzeigersinn durchrundet. Für gestandene Radprofis mag das nicht der Hit sein – doch für einen 62-Jährigen ist das schon eine respektable und beifallswürdige Herausforderung. Auch deshalb, weil er Teil 2 der Reise erst ein Jahr später wieder in Angriff nehmen konnte.

Nun legt Helmut Achatz seine gesammelten Erfahrungen, Erkenntnisse und Erlebnisse aus dieser Reise in einem Buch mit dem bezeichnenden Untertitel „Raus aus dem Job, rein in die Rente“ vor: Die 52-Etappen-(Tor-)Tour-de-France. Als Zäsur an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt.

Ursprünglich als Route in Anlehnung an die Rundfahrt von 1955 gedacht, mischt das wahre (Er-)Leben immer wieder die Karten neu und sorgt mehrmals fürs Umdenken. Die ersten Seiten befassen sich mit Planung, Vorbereitung und allerlei praktischen Überlegungen des Amateurrennfahrers und Frankreichkenners. Doch selbst die bestgemeinte Vorsorge erweist sich für ihn in der Praxis ab und zu als suboptimal, wie er uns auf einigen der über 300 Seiten später erzählen wird. So fährt ihm schon kurz nach der Ankunft in Frankreich der Reiseantrittsschreck in die Glieder, als er seine klickfähigen Rennradschuhe partout nicht finden kann – trotz sorgfältig erstellter Checkliste. Auf der Suche nach den Ursachen für einen hartnäckigen Dünnpfiff reift erst nach vielen hundert Kilometern Fahrt der Gedanke, dass es wohl am besten sei, die Trinkflaschen abends mit handelsüblichem Spülmittel zu reinigen. Und schlussendlich kann es passieren, dass der Provider die zulässige Datenmenge für das Navi als verbraucht verkündet und das Teil kurzfristig abschaltet. Dann ist schnelle Abhilfe gefragt.

Nun könnte man befürchten, dass die reine Beschreibung der einzelnen Tourabschnitte spätestens nach der 10. Etappe trist und langweilig werden könnte. Erst recht, weil aus den ursprünglich geplanten 42 Etappen unterm Strich 52 werden. Aber nichts dergleichen! Helmut Achatz versteht es, den Leser mit einer Erzählmischung über die Eigenheiten der Routenführung (Fahrradsackgassen, fehlende Gullideckel, Fahrradfreundlichkeit von Innenstädten …), den wiederholten Kampf (und manchmal auch Krampf) gegen die Steigungen und den eigenen Körper sowie die seltsamen Gepflogenheiten der Franzosen (beispielsweise in der Handhabung von Restaurant-Öffnungszeiten an Sonn- und Montagen) kurzweilig und immer wieder Neugierde entfachend zu unterhalten.

Ein sehr hübsches Wort, das ich seit diesem Buch zu schätzen weiß, ist „pedalieren“ – eine nette Beschreibung für das Treten der Fahrradkurbel – und Ursache für manch erlittene physische Qual. Die Strapazen, die aus dieser Trettätigkeit entsprangen, beschreibt der Autor sehr körperbetont und emotional; er bezieht dabei außer die geschundenen Beine viele weitere Körperteile mit ein und schreckt ob mancher ungewohnter (Über-)Belastung auch nicht vor kleinen, skrupellosen Streckenschummeleien, wie Abkürzungen oder Bahnfahrten, zurück.

Einen großen Teil des Buches nehmen die lukullischen Schmankerln ein, die er beschreibt und teilweise um appetitanregende Bilder ergänzt (an dieser Stelle hätte ich mir gern ein größeres Buchformat gewünscht ;-)). Und so wird das Buch neben den Radlergeschichten ein Stück weit auch zu einem Buch für Feinschmecker und lässt einem – zumindest erging es mir so – immer wieder das Wasser im Mund zusammenlaufen. Wohl auch, weil die wohltönenden französischen Begriffe Gourmetfantasien entfachen, obwohl das ein oder andere Gericht wohl lediglich schlichte Hausmannskost darstellt.

Auf den letzten Etappen wird der Autor dann von den vor 100 Jahren zu Ende gegangenen Gräueln des 1. Weltkrieges eingeholt und sichtlich betroffen berichtet er ausführlich über die Stätten und Mahnmale am Rande der Strecke. Wie ausgleichend schildert er dann wieder den Jubel der Franzosen über die gewonnene Fußball-Weltmeisterschaft. Er feiert mit, denn auch er hat gesiegt: über seine Selbstzweifel, seinen Körper, die Strapazen und viele Hemmnisse, die sich ihm in den Weg stellten. Und als Fazit stellt er dann auf der letzten der Etappe fest: „Ich komme mir bedeutend vor mit meinem erwiesenen Durchhaltevermögen.“ Wie sagte doch schon der bekannte deutsche Psychiater Klaus Dörner: „Jeder Mensch braucht seine Tagesdosis Bedeutung für andere …“

Helmut Achatz hat einem wichtigen Wendepunkt in seinem Leben – dem Übergang vom Beruf in den Ruhestand – durch ein selbstreflektierendes Fitness-Ritual der besonderen Art die herausragende Bedeutung verliehen, die ihm zukommt. Es lohnt sich, das amüsante, informative und abwechslungsreiche Buch zu lesen! Und ihm vielleicht nachzueifern!

https://www.amazon.de/Tour-France-f%C3%BCr-alte-Knacker/dp/3752829389/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1549295755&sr=8-1&keywords=tour+de+france+f%C3%BCr+alte+knacker

Ihr (Vor-)Ruhestandscoach Wolfgang Schiele

Copyright Wolfgang Schiele 2019 | Coaching50plus | http://www.coachingfiftyplus.de

Werbeanzeigen