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Nehmen wir einmal an, jemand wird Zeuge oder Betroffener eines negativen signifikanten emotionalen Ereignisses (SEE), das weit über seine Alltagserfahrungen hinausgeht und sich tief in sein Bewusstsein einbrennt …

… Er oder sie erleidet ein klassisches Trauma und ist wahrscheinlich lange Zeit nicht in der Lage, die erlebte Situation zu verarbeiten. Zeitweise kommt es sogar zu Flashbacks – plötzlich aufsteigenden, realitätsnahen und vor allem ungebetenen visuellen und akustischen Nachhallerscheinungen dieses Ereignisses.

Willkommen in der Wirklichkeit

Monate später wird auf einem organisierten Gruppenevent durch einen unbeteiligten Dritten eine Geschichte erzählt, die sinnbegleitend ein fachliches Phänomen erklärt, aber gleichzeitig auch einen grauenvollen, katastrophenhaften Verlauf nimmt. Das wird  unwillkürlich zu einem Retraumatisierungstrigger bei oben erwähntem Betroffenen. Er oder sie stellt den Erzähler der Metapher zur Rede und erklärt ihm, dass es unprofessionell sei, derart belastende Ereignisse in der Öffentlichkeit, vielleicht sogar im latenten Wissen um gewisse seelische Vorbelastungen eines Gruppenmitglieds, vorzutragen.

So weit, so gut. Aber wäre es nicht denkbar, dass der Auslöser einer erneuten Traumatisierung nicht auch in einem Satz wie: „An einem sonnigen Sommertag balgten sich vier Kinder im Strandbad und sprangen mutig vom Dreimeterbrett …“ stecken könnte, weil ein Vater sein Kind vor Kurzem beim Baden im hauseigenen Pool verloren hatte …?

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Warum wir Vorsatz vermuten …

Objektiv betrachtet haben die beiden Ereignisse – das reale SEE unseres Betroffenen und die als Beispiel herangezogene Metapher – keinerlei Bezug zueinander. Sie haben völlig isoliert voneinander in dieser Welt stattgefunden und es besteht weder ein kausaler noch ein unmittelbarer systemischer Zusammenhang. Und dennoch bewirkt die Geschichte eine Post-Traumatisierung beim Betroffenen. Warum? Weil der menschliche Geist, ohne dass es dafür einen existenziellen, sachlichen oder handlungstreibenden Grund gibt, eine (wie auch immer geartete) Beziehung herstellt: Der Geist erkennt ein äußeres Muster, bezieht es auf sich als zutreffend, ja überträgt es geradezu nachhaltig auf die eigene Person. Eine völlig unabhängige Geschichte wird in den eigenen Lebensablauf integriert und führt zu einer schweren seelischen (Neu-)Belastung.

Umgang mit traumatisierten Personen in Therapie und Coaching

Nach dieser Erfahrung sollte man annehmen, dass es das Beste wäre, eine traumatisierte Person aus allem herauszuhalten, was auch nur im geringsten mit der früheren Episode zu tun hat. Also erst nach klassischen Regeln stabilisieren, dann wieder alltagstauglich für das Hier und Jetzt machen und schlussendlich behutsam kognitiv oder verhaltenstherapeutisch in seine bisher gewohnte Arbeits- und Lebenswelt eingliedern. So wenig wie möglich an das auslösende Ereignis erinnern und ggf. sogar Vermeidungsstrategien entwickeln. Ein regelmäßig recht langwieriger und beschwerlicher Weg, der nicht immer von Erfolg gekrönt ist.

Alternative Methoden

Therapeutische Ansätze, wie z. B. EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), PEP® (Prozess- und embodimentorientierte Psychologie) oder das Provokative Coaching, gehen einen etwas anderen Weg. Ihre Erklärungsmodelle basieren auf der Annahme, dass das belastende Ereignis im Arbeitsspeicher des Gehirns „steckengeblieben“ ist und damit jederzeit und ungefragt wieder an die Oberfläche, in unser Bewusstsein, gelangen kann. Es entzieht sich gewissermaßen unserer willkürlichen Steuerung. Erst wenn das belastende Ereignis mit seinen Bildern, Geräuschen und Gefühlen seinen Weg in das Langzeitgedächtnis genommen hat, also auf unserer Festplatte abgelegt ist, ist der Betroffene in der Lage, es bewusst zu kontrollieren und nur dann wieder auftauchen zu lassen, wenn er selbst es will.

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Auseinandersetzung mit dem Alptraum

Die unmittelbare Konfrontation mit Ängsten, belastenden Erfahrungen und Erinnerungen der Vergangenheit kann nachweislich positiv wirken – leider wird die Auseinandersetzung in der Praxis viel zu selten angewandt, weil Therapeuten und Coaches oft davor zurückschrecken. Eine direkte Gegenüberstellung am Ort des auslösenden Geschehens oder in der realen Situation ist dabei nicht einmal erforderlich. In therapeutischen Sitzungen oder in Coachings können ganz gezielt die Momente der größten Belastung mental aufgerufen und so plastisch wie möglich nachempfunden werden: Der Patient soll sich unter Anleitung in seine schlimmsten Alpträume, in die verletztlichsten Situationen oder die angstbeherrschendsten Momente begeben und sich mit ihnen auseinandersetzen. In dieser vom Klienten hervorgerufenen Simulation werden dessen Bilder durch zeitgleich verlaufende Interventionen des Therapeuten oder Coaches, wie z. B.

  • durch das Überkreuzen mit gegenläufigen Affirmationen,
  • durch Einmengung bzw. Zumischung weiterer Reize aus anderen Wahrnehmungskanälen,
  • durch bewusste Reizüberflutung der Sinnessysteme und/oder
  • durch vorgeschriebene Protokollanweisungen (wie z. B. beim EMDR),

überlastet, verstört oder verdrängt.

Das „Endlager“ der traumatischen Ereignisse

Im besten Fall gelingt die abschließende Verarbeitung im Arbeitsspeicher des Gehirns und der Patient oder Klient wird wieder zum Herrscher über seine Seelenwelt. Was nicht heißt, dass die negativen Ereignisse vergessen und gelöscht sind – sie treten jedoch erst dann wieder an die Oberfläche, wenn der Betroffene dies bewusst veranlasst, z. B. um seiner Trauerarbeit nachzugehen.

Ihr (Vor-)Ruhestandscoach Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele 2018 | Coaching50plus | http://www.coachingfiftyplus.de

 

 

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