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Ich bin gern in Workshops zu Themen der Psychotherapie, des Coachings und Tranings von Menschen und Organisationen und zähle mich zu den Seminarfreaks. Es macht mir Spaß, weiteres Wissen zu erlangen und meine ungestüme Neugier zu befriedigen. Was ja bekanntlich auch dazu führen soll, dass das Gehirn frisch bleibt und dass die damit verbundene komplexere Vernetzung der Synapsen die Lebenserwartung erhöhen kann. Ich habe weit über 30 Seminare besucht, die von mehr oder weniger namhaften Trainern und Therapeuten moderiert wurden.

Ich habe u. a. festgestellt, dass zu den Erfolgsgründen für einen gelungenen Workshop vor allem der Freiraum für viele praktische Übungen durch die Teilnehmenden gehört. In der Regel werden die Übungssequenzen dadurch eingeleitet, dass der Seminarleiter die Intervention mit einem oder mehreren freiwilligen Kandidaten demonstriert. Zu Beginn meiner Seminarteilnahmen war ich bedingungslos vom Verlauf und von den Ergebnissen der Vorführung begeistert. Um nicht zu sagen: fasziniert. Auch die meist positiven Kommentare der Probanden und die von ihnen geschilderten Zustandsveränderungen waren für mich (bis auf wenige Ausnahmen) überzeugend bis überwältigend. Und das unabhängig davon, um welche Methodik, welches therapeutisches Format oder um welche Coaching-Intervention es sich handelte.

Mit fortschreitender Zeit jedoch kamen bei mir Zweifel auf. Warum klappte das nicht bei mir selbst beim Coaching mit den Klienten? Ich hatte mich doch intensiv darauf vorbereitet, selbst im Seminar üben können und mich mit anderen Kollegen ausgetauscht … Was machte ich falsch und weshalb konnte ich nicht annähernd erfolgreich sein, wie mein Kursleiter Wochen zuvor? Hatte ich noch nicht die vergleichbare Meisterschaft erreicht? Das könnte ein möglicher Grund sein. Ging es anderen Kollegen ebenso, was hatten sie in ihrer Praxis beobachten können? Ich bekam sehr unterschiedliche Rückmeldungen, zum Teil jedoch vergleichbare. Aber könnten auch noch andere Ursachen und Zusammenhänge dafür vorliegen, dass man nicht dieselben Resultate erzielt, wie der „Guru“ in der Seminar-Demo? Deshalb begab ich mich ich eine Metaposition und begann, den Kontext solcher Veranstaltungen zu beleuchten  …

Grundsätzlich sind die Beteiligten an einem Seminar – sowohl der Moderator als auch die Teilnehmer – Bestandteil des „Verkäufermarktes“ für die jeweilige Methode. Selten sind sie selbst die zukünftigen „Käufer“, Konsumenten oder Klienten der Therapie oder des Coachings. Man ist quasi unter sich. Die zahlenden Anwesenden erwarten für ihre oft nicht unerheblichen Aufwendungen, dass das Seminar erfolgreich abläuft, ihnen einen überzeugenden Mehrwert liefert und im besten Fall sogar Spaß macht. Alles in allem: das Seminar gleicht einer vorauseilenden Erfüllung.

Bereits lange vorher preisen die Veranstalter ihre Kurse und die daraus resultierenden Wirkungen, therapeutischen Erfolge und Verkaufseffekte auf vielen medialen Kanälen an. Dazu kommen die von früheren Teilnehmern mitgeteilten positiven Bewertungen und Referenzen in Bezug auf die zu erwartenden Seminareffekte. Kursleiter und Teilnehmer sitzen quasi auf derselben Seite des Tisches und sind bei Strafe des eigenen Untergangs zum Erfolg verdonnert. Sie glauben an das bedingungslose Gelingen, um davon leben zu können – jetzt der Veranstalter und später die Teilnehmer (bis sie womöglich eines Besseren belehrt werden …). Diese positiven Erwartungshaltungen wirken auf die Seminaristen zum großen Teil wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

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Vielleicht zeigt ja auch der Placebo-Effekt Wirkung. Auch wenn die Demo-Intervention für den Probanden objektiv betrachtet keine messbare Veränderung entfaltet, meinen sowohl die zuschauenden Teilnehmer als auch der „Klient“ eine wohltuende Verringerung seiner Probleme oder gar Heilung von seinen Beschwerden zu empfinden. Oftmals handelt es sich bei den Freiwilligen für eine Demo um Personen, die bereits längere Zeit ein Verhaltens- oder Gesundheitsproblem mit sich herumtragen, lange Zeit erfolglos in Behandlung waren und nun darauf warten, endlich vom Methodenanbieter für die Demo ausgewählt zu werden. Selbst wenn sie selbst keine oder nur wenig Veränderung verspüren würden, sie würden sich vor „laufender Kamera“ und kollegialem Publikum nicht dahingehend outen, dass die therapeutische Methode oder Intervention nicht oder nur sehr marginal funktioniert hat. Sie sind Teil des Spiels und ihrer imaginierten Erfolgserwartung geworden – bewusst oder unbewusst.

Es gibt unter den Teilnehmers eine Gruppe von Leuten, die ich vorsichtig als „Bewunderer“ bezeichne. Sie sind gekommen, weil sie dem vermeintlichen Guru huldigen wollen, seinen Narzissmus unterstützen und als Claqueure dienen möchten. Sie bewundern die „Rampensau“ da vorne und hinterfragen nur äußerst selten, ob das Vorgetragene wissenschaftlich bestätigt oder empirisch belegbar ist. Sie glauben ihr aufs Wort und sammeln zum Schluss das ausgestellte Zertifikat wie eine Trophäe mit der begehrten Unterschrift des vergötterten Mentors ein, um sie Zuhause der Ahnentafel ihrer Sammlung hinzufügen zu können.

Eine zweite Gruppe unter den Seminaristen sind die „gesunden Skeptiker“. Sie haben wie ich bereits eine Vielzahl von Seminaren besucht. In beinahe jedem dieser Seminare wurde ihnen nachdrücklich klargemacht und versichert, dass die jeweils vorgestellten Methoden und Lösungsansätze die überhaupt besten Behandlungs- und Heilergebnisse in Coaching und Therapie erbringen. Spätestens nach dem zehnten Workshop ist ihnen klar, dass hier größte Vorsicht geboten ist – besonders hinsichtlich der ernsthaften Ermahnung durch den Dozenten, dass das erworbene Wissen ohne weitere Aufbaukurse, zusätzlicher Literatur von ihm und Übungen unter seiner kostenpflichtigen Anleitung besser nicht zur Anwendung kommen solle …

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Ich glaube, dass ein wenig zeitliche Distanz und kritische Reflektion hinsichtlich der Therapie- und Coachingseminare angebracht ist. Mit der Zeit ist meine anfängliche Euphorie gegenüber den Demo-Erfolgen geschwunden. Es gibt in meinen Augen nicht die Erfolg garantierende Methode, sondern eine Vielzahl von Ansätzen, die hilfreich und leidenslindernd sind. Im Mittelpunkt sollte immer das Individuum stehen, für das wir genau den richtigen persönlichen Coachingansatz oder die therapeutische Intervention finden müssen, die ihm hilft. Und dabei sollten wir uns nicht unvoreingenommen von vermeintlich erfolgreichen Demos und ohne kritisches Hinterfragen des Seminaranlasses zu voreiligen Schlussfolgerungen verführen lassen.

Ihr (Vor)Ruhestandscoach Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele 2018 | Coaching50plus | http://www.coachingfiftyplus.de

 

 

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