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Was ist uns wertvoller? Der ideelle oder der materielle Lohn …

„Der höchste Lohn für unsere Bemühungen  ist nicht das,
was wir dafür bekommen,
sondern das,
was wir dadurch werden.“
(John Ruskin)

Nach meinen Seminaren und Coachings evaluiere – sorry: rekapituliere und bewerte – ich regelmäßig das jeweils zu Ende gegangene Event.

Einerseits bekomme ich von den Teilnehmern einer betrieblich organisierten Veranstaltung ein nach Mustervorgaben ausgefülltes Formular mit mehr oder weniger aussagekräftigen Fragestellungen. Ganz besonders „hilfreich“ dabei ist die Frage: „Werden Sie – zurück am Arbeitsplatz – die Seminarinhalte zur Verbesserung Ihrer Arbeitsleistungen anwenden?“. Neben der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit der Frage für die Seminaristen bin ich etwas ratlos wegen des Anlasses, dessentwegen die Veranstaltung stattfand. Denn ich bereite die Teilnehmer auf Ihren Ruhestand vor. Mit praktischen Übungen für die Zeit nach dem Berufsleben. Und wie erwartet lauten die Bewertungen zu dieser Frage mehrheitlich „trifft überhaupt nicht zu“. Was auch zu 100% stimmt, aber dem Dozenten oder Trainer ein miserables Zeugnis ausstellt. Und den Auswerter des Fragebogens in der Personalabteilung ernsthaft darüber nachdenken lässt, ob er diesen Kursleiter und sein Trainingskonzept weiterhin auf dem Plan behält.

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Doch zum Glück gibt es noch die eigene, reflektorische Evaluation. Die beinhaltet zum Teil ganz andere Kriterien, wie z. B. die Qualität der Kommunikation, die ich aufbauen konnte oder die Tiefe der Fragestellungen, die an mich herangetragen wurden. Und das Feedback, das ich in den Pausen zwischen den einzelnen Übungssequenzen und Informationsblöcken von den Teilnehmern erhalte.

Und obwohl ein Seminar seinen monetären Preis hat und ich mich hinterfrage, ob es diesen wert ist, ob ich ihn erhöhen oder nach unten anpassen sollte, steht für mich auch immer die Frage nach dem ideellen, verbal schwer ausdrückbaren Lohn. Er offenbart sich, wenn nach einem höflichen oder ehrlichen oder begeisterten Abschlussapplaus einzelne Seminaristen auf mich zukommen, noch weitergehende Fragen stellen oder auch ihren ganz persönlichen Dank ausdrücken.

Vor meinem ersten großen, einem dreitägigen Workshop, hatte ich schon ein wenig Lampenfieber, zumal ich die Inhalte noch nie in dieser Form und Konzeption vorgetragen hatte. Und ich war schon ein wenig froh, dass ich die Veranstaltung am Nachmittag des dritten Tages halbwegs erschöpft, aber zufrieden beendet hatte. Da kam noch eine Dame auf mich zu und sagte: „Herr Schiele, ich gehe in den nächsten Tagen in den Ruhestand und ich bin von Ihnen gut vorbereitet worden auf meine Rentnerzeit. Und ich muss Ihnen sagen, das war für mich ein sehr emotionales Seminar, wie ich es noch nie erlebt habe!“

Für diese ganz persönliche Einschätzung gab es im Evaluierungsbogen leider keine passende Zeile, um ein Kreuzchen zu machen … Aber sie schien mir ungeschrieben aber ausgesprochen unvergleichlich wertvoller.

Das ist es, was John Ruskin in seinem Spruch wohl meint: „… was wir dadurch werden“! Mir persönlich gab die Bewertung, dass ich gefühlsmäßig gut rüberkomme, ein Stück weit die Selbstsicherheit, genau dieses Seminarkonzept weiter zu vertiefen. Es machte mich ein wenig stolz und zuversichtlich zugleich. Und erhöhte meine Gelassenheit in späteren Seminaren, in denen ich mich vielleicht etwas unverstandener fühlte …

Ihr (Vor)Ruhestandscoach Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele 2017 | Coaching50plus | http://www.coachingfiftyplus.de

 

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