P1120072AVor 45 Jahren habe ich mein Studium begonnen. Das liegt gut zwei Generationen zurück. Genau der Anlass, um nach längerer Zeit wieder einmal ein Seminargruppentreffen – dieses Mal in Dresden – zu bestreiten. Gleich zu Anfang beschlichen mich Selbstzweifel …

… Der Morgen mit den weißen Tüpfelwolken versprach einen herrlichen Tag. Unser Trupp war gut gelaunt am Bahnhof angekommen und die S-Bahn fuhr pünktlich ein. Für einen Sonntagmorgen war der Waggon, in den ich einstieg, unverhältnismäßig voll. Ich suchte nach dem nächsten Haltegriff und die Bahn setzte sich auch schon in Bewegung. Plötzlich sprang eine junge Frau im geschätzten Alter von 35 Jahren von ihrem Sitz auf und bot ihn mir an. Ich war entsetzt! Normalerweise bietet die Jugend alten Menschen ihren Sitzplatz an – so hatte ich es von meinen Eltern und Lehrern gelernt. Aber doch nicht mir, einem reifenden Sechziger? Oder sehe ich in der Tat schon so alt, senil und gebrechlich aus, dass ich eine kurze S-Bahnfahrt in den Augen einer 35-Jährigen nicht mehr im Stehen absolvieren könnte? Der Schreck saß mir in den Gliedern und beinahe wäre ich in ein gefährliches Straucheln gekommen, weil die Bahn gerade eine Kurve nahm. Hatte mich das Leben schon derart gezeichnet? Sollte ich mich frühmorgens doch genauer im Spiegel betrachten, um meinen körperlichen Verfall objektiv besser einordnen zu können? Klaffte zwischen Selbst- und Fremdbild schon eine unüberwindbare Lücke? Mein Selbstwertgefühl war vollkommen im Keller. Noch vor gar nicht langer Zeit räumte ich selbst brav und pflichtbewusst meinen Sitzplatz im ÖPNV für ältere Herrschaften. Und nun sollte ich selbst schon an der Reihe sein mit Sitzplatzangeboten? Ich lehnte konsterniert und mit aufgerissenen Augen ab. Die junge Frau schaute mich ein wenig mitleidsvoll an und zuckte leicht mit den Schultern, bevor sie sich wieder setzte. Ich meinte ihre Körpersprache bestens lesen zu können: Dann eben nicht, alter Mann, gegen Altersstarrsinn ist nichts auszurichten. Da meine ich es schon mal gut mit den Senioren, und dann sind sie auch noch beleidigt …

Kurze Zeit später erreichten wir unsere Zielstation.

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Die angekündigte Tour von der Haltestelle Königstein hinauf zum Lilienstein sei etwas anspruchsvoll, meinten die beiden Mitkommilitonen, die vor einigen Tagen den Weg bereits getestet hatten. Der „hohe Anspruch“ kam mir nur gelegen. Den Schlappschwanz werde ich hier nicht geben – das Alter ist nur ein Zahl – also, auf gehts! Und mit zunehmendem Selbstbewusstsein und immer ganz vor dabei, erklomm ich den Berg fast im Handstreich. Ich setzte alles daran, in der vorderen Gruppe den Gipfel zu erreichen – und wurde mit großem Abstand vor dem Hauptfeld Dritter. Ich war rehabilitiert, mein Selbstwert wieder auf normalem Level und das Seminatrgruppentreffen fand seine harmonische und gelassene, alterskonforme Fortsetzung …

Ihr (Vor)Ruhestandscoach Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele | Coaching50plus | http://www.coachingfiftyplus.de

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